Auf den Boden der Aktienkurse zu warten ist irrational, ABER… – erneut sehr wertvolle Investmentratschläge von Howard Marks

Howard Marks, Co-Founder der Oaktree Capital Management

Ich habe die Memos von Howard Marks in letzter Zeit sehr zu schätzen gelernt. Damit ist er bereits jetzt schon eine von mir empfohlene Quelle für Einblicke in das Marktgeschehen und für Portfoliostrategien.

Sein letztes Memo mit dem Titel „Calibrating“ fand ich so relevant, dass ich mich kurzerhand entschieden haben dieses auf diesem Weg kurz zusammenzufassen und mit Dir zu teilen. Er enthält nämlich für uns alle sehr wertvolle Ratschläge und Wegweiser, gerade für die heutige Zeit.

Nachfolgend habe ich die für mich wichtigsten Punkte herausgeschrieben und was sie für mein eigenes Portfolio bedeuten.

Ich kann Dir jedoch nur wärmstens empfehlen seine Memos selbst zu lesen. Sein Ansatz und seine Denkweise werden damit um einiges klarer als ich es in den folgenden kurzen Absätzen beschreiben könnte. Ich hoffe nämlich, dass sie auch Dir wertvolle Ideen geben.

Without further ado.

1. Die richtige Balance zwischen Offensive und Defensive finden

Marks empfiehlt, den Markt nicht aus den Augen zu verlieren und das Portfolio entsprechend anzupassen – zu kalibrieren – wenn sich der Markt grundlegend verändert.

Er spricht dabei davon, dass sich das Portfolio auf einer Art Spektrum von offensiv bis defensiv bewegen sollte:

Offensiv <> Neutral <> Defensiv

Je günstiger das Marktumfeld, d.h. je vorsichtiger der Großteil der anderen Investoren ist und je günstiger der Kurs im Verhältnis zum inneren Wert, desto eher sollte das Portfolio zur Offensive tendieren.

Je teurer das Marktumfeld, d.h. je risikofreudiger die anderen Investoren sind, je mehr Gegenwind die Gewinnwachstumsaussichten haben und je teurer die Kursverhältnisse, desto eher sollte das Portfolio zur Defensive tendieren.

Ein grundlegender Faktor dahinter ist auch die Gewichtigung zweier wesentlicher Risiken: das Risiko des permanenten Kapitalverlusts und das Risiko der entgangenen Opportunität.

Ohne Marks‘ Ansatz vorher gekannt zu haben, hatte ich mir in der Vergangenheit bereits die Frage gestellt, Wann ist teuer einfach zu teuer? und kam auch nach Kennenlernen von Marks zu dem Schluss Kaufen ja, aber nicht um jeden Preis.

Blind den Markt zu kaufen hat sicherlich etwas Gutes, denn es fördert die Investmentdisziplin und man erhält damit langfristig sicherlich eine Marktrendite – gegen das Investieren spricht sich Marks an der Stelle auch nicht aus. Aber, in einer Zeit wo der Markt tendenziell risikoreich und zu teuer erscheint, sollte demnach auch das Portfolio tendenziell eher defensiv aufgestellt werden und dem stimme ich durchaus zu.

Was bedeutet das für mein Portfolio?

Ende 2019 habe ich mich dazu entschieden, mein Portfolio defensiver aufzustellen. Für mich bedeutete das einen Investmentstopp und sogar auch Verkauf meines USA ETFs (für mich bot der US-Markt das meiste Risiko) und auch Corporate Bond ETFs. Gleichzeitig investierte ich erste Beträge in Gold.

Was ein paar Wochen später folgen sollte, konnte ich nicht ahnen.

Meine eigene Interpretation einer defensiven Portfoliostrategie bedeutet übrigens auch, in solchen Zeiten eine größere Cash-Position zu haben, als in Zeiten einer offensiven Portfoliostrategie. Im Hoch betrug meine „Kriegskasse“ mehr als die Hälfte meines Vermögens.

Jetzt, wo es im Schnitt bis zu 30% an Kursrückgängen zu beobachten gab, ist wie auch Marks sagt, der Markt attraktiver als in den Wochen und Monaten davor.

Für mein Portfolio bedeutet das, dass es nun tendenziell offensiv ausgelegt ist und ich deshalb auch einige Einzelwerte und ETF Nachkäufe bereits durchgeführt habe. Die Kriegskasse schmälert sich, der Aktienanteil erhöht sich.

Ich für meinen Teil fahre damit sehr gut und habe mir damit eine Entscheidungshilfe geschaffen, mit der ich entscheide wie und wann ich mein Vermögensschiff auf eine leicht andere Bahn manövriere und damit etwaige Eisberge umschiffe.

Bevor es dazu kommt, dass die Ersten schreiben „aber mit einer Blind-in-den-MSCI-World-Investieren-Strategie hättest Du eine um X% bessere Rendite, Market-Timing funktioniert nicht“ oder „ETFs sind die nächste Blase, lieber nur in solide Dividendenaktien investieren“:

JEDER sollte eine Strategie suchen, die zu ihm oder ihr persönlich passt und mit der sich diese Person wohl fühlt. Ich für meinen Teil probiere verschiedene Investmentmöglichkeiten gleichzeitig aus (von stinklangweiligen ETFs bis hin zur privaten Investition) und habe u.a. mit dem Ansatz von Marks nun eine weitere sehr hilfreiche Leitplanke für mich entdeckt. Mir gefällt vor allem, dass es keine 0 und 1 Denke ist und auch sonst eher ein leichtes Manövrieren statt eines ständigen hin und hers darstellt.

Was für mich funktioniert und wofür ich ggf. sogar bereit bin kurzfristig eine Minderrendite hinzunehmen (z.B. auf das nicht eingesetzte Kapital), muss nicht unbedingt das beste für Dich sein.

Deswegen schreibe ich keinem vor, es genauso zu machen, erwarte dafür aber auch, dass diese Personen Verständnis dafür haben, dass eine „Nichtstun-Portfolio“ Strategie oder „Stock-Pickung“ oder „Aktives Trading und Optionen“ auch nicht für Jedermann sind.

Finde Deine eigene Strategie und lass Dich von anderen nicht beirren – nur inspirieren und motivieren 🙂

2. Folge einem inkrementellen Ansatz

Auch wenn jetzt eine Zeit ist, in der es tendenziell eher besser ist zu investieren, empfiehlt Marks einen inkrementellen Ansatz statt eines „Alles-auf-Einmal-Rein“ bzw. „-Raus“.

Keiner kann die Zukunft vorhersehen und deswegen nimmt Marks auch klar Abstand davon zu sagen „jetzt ist die Zeit zum Investieren“. Er sagt eher „es ist eine Zeit zum Investieren“. Er rät deshalb dazu auszurechnen, wie viel Geld man bis zum Erreichen des Bodens investieren möchte, um über die Zeit Scheibchenweise in den Markt einzusteigen.

Wie Marks weiter schreibt, diejenigen, die in solchen Situationen ihre Cash Position stufenweise investieren, können sich darüber freuen, wenn die Kurse weiter fallen. Es ist schließlich noch Geld in der Kriegskasse da um weiter einzukaufen. Und sollten die Kurse steigen, kann man sich auch dann noch freuen zumindest einen Teil investiert zu haben.

Für den Fall, dass die Kurse nachhaltig weiter steigen, muss man sich dann sicherlich überwinden und auch zu teureren Kurse einzukaufen. Sieht die Zukunft jedoch tendenziell eher positiv aus und stimmen die Wachstumsaussichten, dann ist das aber weniger Schlimm.

Was bedeutet das für mein Portfolio?

Bei dem ersten Kurseinbruch im März habe ich genau das befolgt. Ich bin mit etwa 15% meines meines Vermögens entlang der fallenden Kurse gehangelt.

Gestoppt wurde meine Einkaufstour durch die darauffolgende 3-tägige rekordverdächtige Kursrally, die die Rabatte der Tage und Wochen davor leider wieder etwas zunichte gemacht haben.

Grundsätzlich habe ich kein Problem damit in steigende Kurse zu investieren, nur sehe ich hier noch keine nachhaltige Erholung, wenn währenddessen die Corona-Pandemie weitere Kreise zieht, die Arbeitslosigkeit ungesehene Ausmaße vor allem in den USA erreicht und die oft zeitverzögerten Makroökonomischen Statistiken und Quartalsergebnisse noch nicht das volle Bild des Corona-Lockdowns reflektieren.

Außerdem sei es, so Marks weiter, gar nicht so unüblich, das auf einen ersten Crash eine signifikante Erholung einsetzt, bevor es dann in weiteren Auf- und Ab-Zyklen weiter gen Boden geht. 

Beispiel S&P 500 Index

Dot Com 2000 Kursveränderung
Sep 00 – Apr 01 27%
Apr 01 – Mai 01 +19%
Mai 01 – Sep 01 -26%
Sep 01 – Mär 02 +22%
Mär 02 – Sep 02 -33%
Finanzkrise 2007 Kursveränderung
Okt 07 – Mär 08 -18%
Mär 08 – Mai 08 +12%
Mai 08 – Nov 08 -47%
Nov 08 – Jan 09 +25%
Jan 09 – Mär 09 -27%

Quelle: Oaktree Capital Management

Es mag Ausnahmen geben, aber ich bin tatsächlich in der Situation eher pessimistisch und denke nicht, dass wir heute schon das Ende der Fahnenstange am Aktienmarkt erreicht haben.

1929 dauerte es über 3 Jahre, bis der Boden mit -90% Kursverlust zum letzten Hoch erreicht wurde. Dazwischen lagen einige starke Kursrallys. Lass uns hoffen, dass es soweit nicht kommt!

3. Warte nicht auf den Boden

Während Marks Abstand davon nimmt zu sagen, dass heute der Tag ist zu investieren und eher dazu neigt zu sagen, es ist tendenziell eine bessere Zeit zu investieren als es vor ein paar Wochen war, scheint er eine klare Meinung zur Bodenfindung zu haben.

Er sagt ganz klar, dass man den Boden schlichtweg nicht vorhersehen kann und deshalb das Warten auf den Boden irrational ist.

Stattdessen empfiehlt er: wenn etwas günstig ist im Vergleich zum inneren Wert, dann kaufe es. Wenn der Preis noch weiter fällt, dann kaufe noch mehr davon.

Es ist sicherlich nicht einfach etwas zu kaufen, wenn die aktuellen Medien vom Weltuntergang berichten. Deshalb zitiert Marks auch Doug Kass und den Titel eines seiner Memos „When the Time Comes to Buy, You Won’t Want To“.

Aber genau deshalb machen Manche in genau diesen Situationen die besten Investments, selbst wenn sie auf den ersten Blick damals zu früh wieder in den Markt eingestiegen sind. Marks ist hier mit seinem Einblick in die Finanzkrise ein gutes Beispiel.

Was bedeutet das für mein Portfolio?

In der heutigen Zeit beschäftige ich mich mehr damit einzelne Aktien zu finden, die ich gern für die Ewigkeit in meinem Portfolio hätte. Dank der starken Kursrückgänge ist es einfacher geworden solide Firmen mit stabilem Gewinn- und Dividendenwachstum zu einem ok oder sogar günstigen Preis zu kaufen.

Auch wenn die Märkte sich momentan (aus meiner Sicht zu unrecht) erholen und ich weniger aktiv dazu kaufe, finde ich doch hin und wieder einen Schnapper oder einen ok Preis und lege mir dir Aktie ins Depot.

Das war 2019 nicht anders. Auch wenn es zu dem Zeitpunkt deutlich schwieriger war günstig bewertete Aktien zu finden und ich mich deshalb eher auf ETFs konzentriert habe, konnte ich auch 2019 z.B. eine CVS Health ergattern, die selbst im bisherigen Tief im März 2020 noch über meinem Einstiegskurs 2019 lag.

Alles auch eine gewisse Glückssache, aber Investmentgelegenheiten kommen immer wieder und wenn der Preis im Verhältnis zum inneren Wert passt, schlage ich zu – egal was da draußen gerade los ist.

Schlusswort

Die wichtigsten Punkte aus dem Memo nochmal in Kurz:

  1. Finde die Balance zwischen Offensive und Defensive
  2. Investiere inkrementell
  3. Warte nicht auf den Boden

Ich hoffe, dass ich mein noch nicht investiertes Kapital noch im Laufe diesen Jahres voll platziert habe, um es für mich arbeiten zu lassen und damit das Risiko der entgangenen Rendite zu minimieren – ohne jedoch dabei das Risiko des permanenten Kapitalverlusts wesentlich zu erhöhen (auch ein 10 Jahre andauernder Kursverlust zählt übrigens für mich als permanenter Kapitalverlust).

Howard Marks hat mir genau dafür weitere gute Ratschläge geliefert und auch eine neue Sichtweise für meine eigene Portfoliostrategie und den Umgang mit verschiedenen Marktzyklen.

Ich kann Dir wie eingangs gesagt nur empfehlen seine Memos selbst zu lesen: Howard Marks Memos

Am Ende zählt jedoch eins, habe eine einfache aber solide Strategie, die genau zu dir passt und folge ihr, egal was manch Andere für eine andere Meinung haben sollten.

Weiterhin viel Erfolg auf Deinem Weg!

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4 comments on “Auf den Boden der Aktienkurse zu warten ist irrational, ABER… – erneut sehr wertvolle Investmentratschläge von Howard Marks

  1. Ich finde die Erholung der Märkte z. Zt. nur bedingt ungerechtfertigt. Klar, im Vergleich zu den letzten 10 Jahren sind wir für so einen extrinsischen Schock wie Corona tatsächlich noch nicht wirklich weit abgestürzt, das preisnivveau passt aber zu den ebenso überzogenen Steigerungen der letzten 10 Jahre. Bedingt durch die Schleusenöfffnung der Zentralbanken erleben wir eine investment-Inflation. Es ist einfach zu viel Geld da, das nach Vermehrung lechtzt.
    Ich kann mir also durchaus vorstellen, daß der Bärenmarkt tatsächlich schon vorbei ist. Was das für unser währungssystem heißt, steht auf einem anderen Blatt.

    1. Hi Nico, danke für deinen Kommentar. Die Zentralbanken sind ein gutes Stichwort, denn sie waren bereits vor und auch gerade jetzt während der Krise maßgeblich an der Kursentwicklung beteiligt – davon bin ich jedenfalls überzeugt. Und es ist, wie du auch richtig sagst, aktuell zu viel Geld da. D.h. sobald die Zentralbanken bestimmte Anleihen aufzukaufen, dann werden sich viele Investoren genau auf diese Vehikel stürzen. Zumindest die Investoren, die daran glauben, dass die Zentralbanken uns ja schon retten werden.

      Spannende Zeiten liegen noch vor uns!

  2. Leider bin ich nicht überzeugt – die Einschätzung wann Du Dein Portfolio offensiv und wann Du es defensiv aufstellst, ist wohl aus der Luft gegriffen. Wie Du ja auch selbst sagst, kannst Du nicht vorhersehen, ob die Kurse nun steigen oder sinken werden, genau darauf setzt Du aber je nach Ausrichtung des Portfolios.
    Ich setze daher auf eine stetige Investitionsstrategie, die monatlich investiert und so natürlich in der derzeitigen Phase den Cost Average Effekt nutzt.
    Dennoch viel Erfolg!
    Viele Grüße
    Lukas

    1. Moin Lukas,
      du musst ja nicht überzeugt sein. Deine Cost-Averaging Strategie ist halt das, was zu dir passt. Ich behaupte ja nicht, den heiligen Gral gefunden zu haben, an den jetzt alle glauben sollen, sondern ein Ansatz, der zu mir passt.

      Eine Sache noch. Das ist richtig, dass niemand vorhersagen kann, wie und wann die Kurse steigen oder fallen. Was ich jedoch einschätzen kann ist, ob der Preis im Verhältnis zum Wert meinem Ankaufsprofil entspricht. Ist etwas zu teuer geworden, dann kaufe ich eben was anderes. Gibt es keine Alternativen, dann sehe ich zu, dass ich das Risiko im Portfolio minimiere. So denke ich zumindest und das funktioniert für mich persönlich soweit gut.

      Aber danke für den Kommentar, du hast ausgesprochen, was wahrscheinlich nicht wenige andere gedacht haben 🙂

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